Mein Freiwilliges Soziales Jahr in der Behindertenhilfe Bergstraße

21. Juni 2017    Allgemein, Interview    Kommentieren

Theresa berichtet über Ihr FSJ in der Behindertenhilfe Bergstraße:

Nach meinem Studium war es mein Wunsch, mich sozial zu engagieren. Durch meine Schwester, die zu dieser Zeit ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Behindertenhilfe Bergstraße (BhB) absolvierte, bin ich darauf gekommen, mich ebenfalls für ein FSJ zu bewerben.

Ich entschied mich gleichfalls dafür, in einer Werkstatt für Menschen mit Beeinträchtigung  (MmB) arbeiten zu wollen. Aus diesem Grund hospitierte ich im Januar für drei Tage in der BhB. Ich hatte vorher noch keinerlei Erfahrungen mit MmB gesammelt und war aus diesem Grund etwas aufgeregt.

Allerdings waren meine Sorgen gänzlich unbegründet. Ich wurde sofort herzlich begrüßt und aufgenommen.

Als ich dann Mitte Februar mit meinem FSJ begann, musste ich mich natürlich erst einmal in der Einrichtung und ebenso in meiner Gruppe eingewöhnen. Ich habe mir zu Beginn Zeit genommen, die Mitarbeiter kennenzulernen und meiner Gruppenleitung über die Schulter zu schauen. Es dauerte jedoch nicht lange, bis ich gut in den Tagesablauf meiner Gruppe integriert war.

Ich absolviere mein FSJ in einer Montagegruppe. Zu unseren Aufgaben gehören Mailingaufträge, Sortier- und Verpackungsarbeiten, Etikettieren, Kontroll- und Zählarbeiten sowie Konfektionieren von Werbesendungen und Warenproben. Zu meinen Aufgaben gehört es vor allem, die Mitarbeiter bei ihren Aufgaben anzuleiten. Ich erkläre ihnen die einzelnen Arbeitsschritte, fertige – wenn nötig – ein Muster an, unterstütze sie beim Einrichten ihres Arbeitsplatzes und beaufsichtige sie bei der Ausführung ihrer Tätigkeit. Im Anschluss kontrolliere ich die fertigen Arbeiten. Ich überprüfe beispielsweise, ob die Klienten einzelne Komponenten richtig abgezählt haben oder Klebeetiketten an die richtige Stelle gesetzt haben.

Wenn wir einen großen Auftrag bekommen oder aber auch, wenn wir den Auftrag zeitnah erledigt haben müssen, kommt es natürlich ebenfalls vor, dass ich selbst Schrauben abzähle und verpacke, Briefe stemple, Etiketten aufklebe oder ähnliches.

Neben der Kontrollarbeit gehört es ebenfalls zu meinen Aufgaben, ein Ansprechpartner für unsere Mitarbeiter zu sein. Gerne habe ich ein offenes Ohr für sie, wenn es private Schwierigkeiten gibt, und darüber hinaus, wenn etwas Schönes in ihrem Leben passiert ist. In etwas ruhigeren Zeiten bleibt uns auch die Zeit, um ein Spiel zu spielen oder gemeinsam etwas zu malen.

Mein Tagesablauf im Groben sieht wie folgt aus: Arbeitsbeginn ist für die Gruppenleiter, Betreuer und FSJler um 7.30 Uhr. Die Klienten beginnen um 8.00 Uhr mit ihrer Arbeit. In der ersten halben Stunde meines Arbeitstages bespreche ich mit meiner Gruppenleiterin den Tagesablauf, teilweise bereiten wir schon etwas vor oder nutzen die Zeit, um Ereignisse der vergangenen Tage in die Förderdokumentation der einzelnen Mitarbeiter einzutragen.

Wenn dann um 8.00 Uhr die MmB in den Gruppenraum kommen, geht es direkt mit der Arbeit los. Natürlich bleibt ebenfalls etwas Zeit, um über die Freizeitaktivitäten vom Vortag zu sprechen. Es folgt eine 20 minütige Frühstückspause von 9.10 – 9.30 Uhr und eine Mittagspause von 12.00 – 13.00 Uhr. In dieser Zeit gibt es für mich ebenfalls etwas zu tun. Die Betreuer sind hier in verschiedene Aufsichtsdienste eingeteilt und müssen während der Pausen schauen, ob es in der Eingangshalle, der Kantine etc. keinen Streit oder andere Schwierigkeiten gibt. Nachdem die MmB um 15.45 Uhr Feierabend haben, nutzen meine Gruppenleiterin und ich die Zeit bis zum Feierabend, um den Tag zu reflektieren und ebenso, um in dieser Zeit gegebenenfalls die Förderdokumentation zu bearbeiten.

Auch wenn sich die Tage vom groben Tagesablauf her ähneln, ist trotz allem kein Tag wie der andere. Es gibt täglich eine neue Herausforderung, sei es, dass ein Auftrag zeitnah abgeschlossen werden muss, es Schwierigkeiten mit Mitarbeitern gibt oder aber auch, dass wir einen neuen Auftrag erhalten und den Mitarbeitern erst einmal die einzelnen Schritte erklären müssen und schauen, wer welche Arbeit erledigen kann.

Um ein wenig Abwechslung in das Arbeitsleben zu bringen und anstatt auf eine Freizeit zu fahren, hat meine Gruppe beschlossen, über das Jahr verteilt einige Tagesausflüge zu unternehmen. Im Mai waren wir bereits für einen Tag in Erbach im Odenwald. Dort schlenderten wir durch die Altstadt, gönnten uns ein Eis auf dem Marktplatz, bestaunten das Schloss und waren anschließend – auf Wunsch eines Gruppenmitglieds – im Krankenhaus Mittagessen. Ein weiterer Tagesausflug nach Heppenheim ist bereits für Ende Juni geplant. Wir werden dort den Vogelpark besichtigen und uns anschließend die Altstadt mitsamt „Dom“ St. Peter anschauen. Diese Ausflüge sind eine schöne Gelegenheit, um die einzelnen Mitarbeiter nochmal von einer anderen Seite kennenzulernen, da die Stimmung während solch eines Ausflugs ausgelassener ist.

Zu manchen Mitarbeitern baut man im Laufe der Zeit eine ganz besondere Beziehung auf. Eines unserer Mitarbeiter, ein 37 jähriger Mann mit Down-Syndrom, der nicht sprechen kann, ist mir in den letzten Monaten besonders ans Herz gewachsen. Ihn begleite ich ab und an auf die Toilette oder zum Essen und bringe ihn oftmals am Feierabend zum Bus. Wir verstehen uns sehr gut, obwohl wir keine Gespräche miteinander führen können (er versteht aber alles was ich sage) und ich habe das Gefühl, dass er mir vertraut und gerne in meiner Nähe ist. Das ist eine ganz besondere und schöne Erfahrung, die ich während meines FSJs machen durfte.

Ich bin froh, dass ich mich für ein Freiwilliges Soziales Jahr in der BhB entschieden habe. Es hat mich in vielen Punkten weitergebracht. Ich wurde geduldiger, toleranter und konnte meinen Horizont erweitern. Das Freiwillige Soziale Jahr kann ich jedem empfehlen.

Theresa Tilger

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